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Zeugnisse I
Das göttlich-menschliche Wesen des Erlösers
Unser Vorbild
Begrenzte Ansichten über die Versöhnung
Der Maßstab für den Wert der Seele
Notizen & Bibliographie

Eine wachsende Ansammlung guter Wegweiser für unser Leben.

Das göttlich-menschliche Wesen des Erlösers

In Christus fanden sich das Menschliche und das Göttliche zu einer Einheit zusammen. Seine Aufgabe bestand in der Versöhnung Gottes mit dem Menschen, um das Endliche mit dem Unendlichen zu verbinden. Das war der einzige Weg, um gefallene Menschen durch das Blut Christi aufrichten zu können and sie an der göttlichen Natur teilhaben zu lassen. Die Annahme der menschlichen Natur ließ Christus die Anfechtungen und das Leid der Menschen verstehen, einschließlich aller Versuchungen, die jeden bedrängen. Engel, denen die Sünde unbekannt blieb, konnten die Gefühle der Menschen in ihren besonderen Anfechtungen nicht nachempfinden. Christus entäußerte sich selbst, nahm das Wesen des Menschen an und wurde in allen Dingen versucht, gleichwie wir, um zu wissen, wie all denen geholfen werden kann, die versucht werden.

Nachdem er Mensch geworden war, fühlte er das Bedürfnis, von seinem Vater gestärkt zu werden. Er hatte auserwählte Gebetsstätten. Er liebte es, in der Einsamkeit der Berge mit seinem Vater Gemeinschaft zu pflegen. In diesen Zwiesprachen empfing seine heilige, menschliche Natur die Kraft, die Pflichten und Anfechtungen des Tages bewältigen zu können. Unser Heiland nahm unsere Nöte und Anfechtungen auf sich, insofern als er ein demütig Bittender wurde, der von seinen Vater neue Kraftfülle erbat, um für alle Pflichten und Versuchungen belebt, erquickt und gerüstet zu sein. Er ist in allem unser Vorbild. Er ist unser Gefährte in unseren Unvollkommenheiten, aber er hat nichts mit unseren Leidenschaften gemein. Als einziger Sündloser wich sein Wesen vor dem Bösen zurück. In einer sündigen Welt ertrug er Kämpfe und Seelenqualen. Sein Menschsein ließ das Gebet nicht nicht nur zur Notwendigkeit, sondern zu einer besonderen Gnade werden. Nachdrücklich verlangt er nach göttlicher Hilfe und göttlichem Trost. Sein Vater war bereit, ihm, der zum Wohle der Menschen die himmlischen Freuden verlassen und seine Wohnung in einer lieblosen und undankbaren Welt gewählt hatte, beides zu geben. Christus fand Trost und Erquickung in der Gemeinschaft mit seinem Vater. Hier konnte er sein Herz von den Sorgen erleichtern, die ihn quälten, denn sein Gemüt war mit Schmerz und Kummer beladen.

Unser Vorbild

Am Tage arbeitete er mit allem Eifer, um anderen Menschen Gutes zu tun und sie vor dem Verderben zu bewahren. Er heilte die Kranken, tröstete die Betrübten, brachte den Verzagten Frohsinn und Hoffnung and rief Tote ins Leben zurück. Nachdem sein Tagewerk beendet war, kehrte er Abend für Abend dem dörflichen Treiben den Rücken und beugte seine Gestalt in einem abgelegenen Hain in demütigem Gebet vor seinem Vater. Zuweilen ließ der Mond seinen glänzenden Lichtschein auf die gebeugten Gestalt Jesu fallen, bis schließlich Wolken und Finsternis alles Licht wieder vertrieben. Während er in der Haltung eines Bittstellers verweilte, legten sich Tau und Reif auf sein Haupt und seinen Bart. Oftmals betete er die ganze Nacht hindurch. Er ist unser Vorbild. Wenn wir uns dessen erinnerten und ihm nacheiferten, würden wir viel stärker in Gott ruhen.

Wenn der Erlöser der Menschheit, voll göttlicher Kraft, die Notwendigkeit des Gebets empfand, wieviel mehr sollten wir schwache, sündhafte Sterbliche das Bedürfnis haben, zu beten, inbrünstig und beständig zu beten! Christus aß nichts, sobald ihn die Versuchung am ärgsten überfiel. Er vertraute sich Gott an, und durch ernstes Gebet und völlige Unterwerfung unter den Willen des Vaters ging er als Sieger hervor. Alle, die die Wahrheit für diese letzten Tage bekennen, sollten mehr als alle anderen Christen dem beispielhaften Gebetsleben Jesu folgen.

"Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie sein Meister und der Knecht wie sein Herr." (Matth. 10:25) Unsere Tische sind oft genug mit Leckereien bedeckt, die im übrigen weder gesund noch notwendig sind, weil wir diese Dinge der Selbstbeherrschung und der Gesundheit des Leibes und der Seele vorziehen. Jesus bat ernstlich um Kraft von seinem Vater. Dies schätzte der Gottessohn sogar für sich selbst höher ein, als am reichgedeckten Tisch Platz zu nehmen. Er hat uns bewiesen, daß das Gebet unentberlich ist, um für den Kampf mit den Mächten der Finsternis Kraft zu empfangen und die uns aufgetragene Aufgabe zu meistern. Unsere eigene Kraft reicht dazu nicht aus, doch die Kraft, die Gott verleiht, ist gewaltig und läßt jeden siegreich bleiben, der sie empfängt. [50]

Begrenzte Ansichten über die Versöhnung

Manche besitzen nur eine sehr enge Auffassung von der Versöhnung. Sie glauben daß Christus nur einen geringen Teil der Strafe des Gesetzes Gottes erduldete. Weiterhin behaupten sie, daß er in allen seinen qualvollen Leiden die Gewißheit der väterlichen Liebe und der Annahme seines Opfers besessen hätte, während der Zorn Gottes über ihm war; die Pforten des Grabes wären vor ihm mit lichter Hoffnung erleuchtet gewesen, und er hätte die bleibende Gewißheit seiner zukünftigen Herrlichkeit in sich getragen. Hierin liegt ein schweres Mißverständnis. Das Mißfallen seines Vaters verursachte Christus die bitterste Qual. Aus diesem Grunde war sein seelischer Kampf (in Gethsemane) von solcher Häftigkeit, daß wir Menschen uns davon nur eine schwache Vorstellung machen können.

Bei vielen erweckt der Bericht von der Menschwerdung, von der Erniedrigung und von dem Opfer unseres göttlichen Herrn weder tiefere Anteilnahme noch berührt er das Herz und beeinflußt das Leben mehr, als die Schilderungen vom Tode der Christlichen Märtyrer. Gewiß haben viele den Tod durch Folterung, andere durch Kreuzigung erlitten. Worin unterscheidet sich aber der Tod des geliebten Sohnes Gottes von diesen? Es ist wahr, er starb am Kreuz eines sehr qualvollen Todes, doch andere haben um seinetwillen das gleiche erduldet, soweit es körperliche Qualen betrifft. Warum litt Christus mehr als andere Menschen, die um seinetwillen ihr Leben hingegeben haben? Wenn die Leiden Christi nur aus körperlichem Schmerz bestanden hätten, dann wäre sein Tod nicht schmerzhafter gewesen als der vieler Märtyrer.

Körperliche Schmerzen jedoch waren in dem Todeskampf des eingeborenen Sohnes Gottes nur von geringer Bedeutung. Die Sünden der Welt lasteten ebenso auf ihm wie der Zorn Gottes, als er die Strafe für die Übertretungen des Gesetzes erlitt. Dies beugte seine göttliche Seele nieder. Verzweiflung überkam ihn, weil sein Vater das Angesicht vor ihm verbarg und er sich von ihm verlassen wähnte. Die weite Kluft, die die Sünde zwischen Gott und Mensch hervorgerufen hatte, wurde von dem unschuldig Gekreuzigten von Golgatha in aller Klarheit empfunden. Er wurde von den Mächten der Finsternis bedrängt. Es gab für ihn nicht einen einzigen Hoffnungsstrahl, der die Zukunft erhellt hätte. Er kämpfte gegen die Macht Satans, der erklärte, Christus in seiner Gewalt zu haben und dem Sohne Gottes an Stärke überlegen zu sein. Ebenso behauptete er, daß Gott seinen Sohn verstoßen habe und dieser nun, gleichwie auch er, nicht mehr das Wohlgefallen Gottes besitze. Warum muß er sterben, wenn er wirklich noch unter der Obhut Gottes stand? Gott konnte ihn ja vom Tode erretten!

Christus gab seinem Peiniger nicht im geringsten nach, selbst nicht während seiner heftigsten Schmerzen. Legionen böser Engel umlagerten den Sohn Gottes; dennoch wurde den heiligen Engeln nicht gestattet, deren Reihen zu durchbrechen und sich mit dem höhnenden und schmähenden Feind in einen Kampf einzulassen. Sie durften der ringenden Seele des Sohnes Gottes nicht helfen. In dieser schrecklichen Stunde der Finsternis, als ihm das Angesicht seines Vaters verborgen war, als ihn Legionen böser Engel umgaben und die Sündenlast der Welt auf ihm lag, da geschah es, daß sich seinen Lippen die Wort entrangen, "Mein Vater, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Matth. 27:46)

Der Maßstab für den Wert der Seele

Der Tod der Märtyrer hält keinen Vergleich stand mit den Todesqualen, die der Sohn Gottes erdulden mußte. Unser Wissen vom Leben, Leiden und Sterben des eingeborenen Sohnes Gottes muß viel umfassender und tiefgreifender werden. Erst wenn wir die Bedeutung des Versöhnungswerkes voll erfaßt haben, werden wir den unermeßlichen Wert des Seelenheils erkennen. Im Verhältnis zum ewigen Leben sinkt jede andere Angelegenheit zur Bedeutungslosigkeit herab. Doch wie wenig wurden die Ansichten unseres gütigen Heilands geachtet! Die Herzen der Menschen haben sich der Welt zugewandt. Selbstsüchtige Interessen verschließen dem Sohn die Türen. Hohle Heuchelei und eitler Stolz, Egoismus und Habsucht, Neid, Bosheit und Begierden erfüllen die Herzen vieler Menschen so sehr, daß für Christus kein Raum mehr darin bleibt.

Er war unendlich reich und wurde um unsertwillen arm, auf daß wir durch seine Armut reich würden. Licht und Herrlichkeit waren sein Gewand; himmlische Heerscharen umgaben ihn, seiner Befehle harrend. Dennoch nahm er unsere menschliche Natur an und kam auf diese Erde, um unter sündigen Sterblichen zu verweilen. Für die Größe dieser Liebe gibt es keine Worte; sie übertrifft alle Erkenntnis. Groß ist das Geheimnis der Gottseligkeit! Unsere Herzen sollten von der Liebe des Vaters und des Sohnes belebt, geadelt und hoch erfreut sein. Für die Nachfolger Christi gilt es, schon hier zu lernen, jene geheimnisvolle Liebe in einem gewissen Ausmaß als Vorbereitung auf die Vereinigung mit allen Erlösten widerzuspiegeln, indem sie "Lob und Ehre und Preis und Gewalt" dem beimessen, "der auf dem Stuhl sitzt, und dem Lamm ... von Ewigkeit zu Ewigkeit." (Offb. 5:13)

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Christus gab sich selbst als Sühnopfer für die Rettung einer verlorenen Welt. Er wurde behandelt, wie wir es verdient haben, damit wir behandelt werden, wie er es verdient. Er wurde um unserer Sünden willen, an der er keinen Anteil hatte, verdammt, damit wir durch seine Gerechtigkeit, auf die wir kein Anrecht haben, gerechtfertigt würden. Er erlitt unseren Tod, damit wir sein Leben empfingen. "Durch seine Wunden sind wir geheilt." (Jes. 53:5) [80]

Am liebsten sprach Jesus Christus von dem Wesen und von der unauschöpflichen Liebe Gottes. Diese Gotteserkenntnis war sein persönliches Geschenk an die Menschheit. Er hat es seinen Kindern anvertraut, damit alle Welt es erfahre. [85]



Notizen & Bibliographie

[050] White, `Aus der Schatzkammer der Zeugnisse,SDZ' S. 199-202; 2T 200.

[080] SDZ, S. 213-215; 1904, 8T 208,209.

[085] SDZ, S.215; 1900, 6T S. 55.

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