Originale Dokumente

Unser Beten und Gottes Wille
Otto Gmehling

"Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl; das macht die Seele still und freudevoll. Ist's doch umsonst, daß ich mich sorgend müh, daß ängstlich schlägt das Herz, sei's spät, sei's früh." Hedwig von Redern
"Ist sich der Mensch in seinem dunklen Drange des rechten Weges stets bewußt?" So könnte man in Umkehrung eines Dichterwortes fragen, wenn man mit Ernst versucht, den Willen Gottes in jeder Lage zu erkennen, um ihn gewissenhaft und gleich zu tun, auch wider eigene Interessen. Ein Christ, der ganz in der Erwartung des Kommens Jesu Christi lebt, bereitet sich auch vor, ihm würdig zu begegnen. In jeder Lage drängt sich ihm die Frage auf, die Paulus einst gestellt hat, als Jesus ihm erschienen war:

"Herr, was willst du, daß ich tun soll?" Apg. 9:6.
So forschte er im Worte Gottes nach Gottes Willen für seine Leben. Er tut es betend. Sein Wünschen geht in dieses Beten ein und begegnet den Worten Gottes, nach dem der rechte Beter immer fragt. Mit diesem Fragen ordnet sich sein Wünschen und sein Wollen dem höheren Willen Gottes unter. Der Christ will wissen und verstehen, was Gottes Wille ist für ihn wie für die ganze Welt, damit er leichter Gottes Willen erfüllen kann. Im Beten wünscht er, daß sein Wünschen und sein Wollen eins werde mit dem Willen Gottes, der über seine kleine Ichbezogenheit hinaus die ganze Welt umfaßt, das Diesseits und die Ewigkeit. Er wünscht, indem er betet, daß er von Herzen wollen kann, was Gott für ihn und andere will. In solchem Beten nimmt er Gottes Pläne in gläubigem Vertrauen auf und wird bereit, den Willen Gottes zu wollen und zu tun und willig an sich geschehen zu lassen. Er betet dann mit Jesus zum Vater: "Dein Wille geschehe auf Erden wie auch im Himmel." Matth. 6:10.

Läßt sich der Menschen in dieser Weise durch das Gebet bewegen, den Willen Gottes selbst zu wollen, sich von den eigenen Willenszielen ab und ganz den Zielen Gottes zuzuwenden, dann wird ihm auch der Unterschied vom Eigenwillen zum Gotteswillen schmerzlich und tief bewußt. Er betet dann auf hoher Stufe mit Jesus das überwindende Gebet, in dem er klar erklärt, wofür er sich entschieden hat: "Abba, Vater, dir ist alles möglich; nimm diesen Kelch von mir: doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!" Mark. 14:36, Bruns.) Jesus hatte gewünscht, "daß, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihn vorübergehen möchte." (Mark. 14:35, Bruns)

Woher wußte er des Vaters Willen für diese seine Stunde? Nach allem, was die Evangelien berichten, war ihm, was Gott mit ihm in dieser Stunde plante, von Anfang an bekannt geworden durch Gottes Geist aus Gottes Wort, das dem Geschehen erklärend und verheißend vorausläuft. So konnte er den Ablauf seines Lebens, was da geschah und zu erwarten war, aus Wort und Geist in rechter Weise deuten und Gottes Plan und Willen von Entscheidungsstunde zu Entscheidungsstunde erkennen und erfüllen. [10] Die beiden direkten Offenbarungen des Vaters beschränken sich auf Wohlwollen und Zustimmung, ihn zu bestärken, auf dem rechten Wege des Gehorsamseinwollens bis zur Vollendung fortzuschreiten. Auch sprachen Moses und Elias, die früh in die Vollendung eingegangen sind, mit ihm auf dem Verklärungsberg "über den Ausgang seines Lebens, so wie es sich jetzt in Jerusalem vollenden sollte." Lukas 9:31, Bruns.

Dazu muß ihm im nächtelangen Beten von Fall zu Fall Klarheit geworden sein zum rechten Handeln und duldenden Geschehenlassen dessen, was er als Gottes Willen aus seines Vaters Händen nahm. Nicht immer, so scheint es, war ihm die Klarheit, was denn hier und heute der Wille seines Vaters sei, von vornherein gegeben. Auf der Hochzeit zu Kana und bei der Begegnung mit der Phönizierin muß sein Zögern, sogleich zu helfen, wohl so verstanden werden. Auch noch sein Beten in Gethsemane läßt dieses Ringen um letzte Klarheit irgendwie erkennen. Hier scheint er sogar aus dem Schweigen Gottes den Vaterwillen erkannt zu haben. Er wurde uns in allen Dingen gleich und hat denn auch an dieser Stelle in gleicher Not mit uns gestanden. Solches Ringen und Überwinden wird auch deutlich in seinem Antwortgeben an den Vater, in dem er seine Mißerfolge in den Städten seiner Heimat mit den Worten deutet: "Ja, Vater; denn es ist also wohlgefällig gewesen vor dir." Matth. 11:26.

Wer in wichtigen Lebensentscheidungen steht und ehrlich nach dem Willen Gottes Ausschau hält, muß erst ganz stille werden, und alle seine eigenen Gedanken und Wünsche müssen schweigen. Wenn er dann so bereit und offen ist, den in Gottes Worten und Geboten geoffenbarten Gotteswillen zu erkennen und zu befolgen, wird ihm die Wahl des Rechten im allgemeinen nicht mehr schwer. Die Problematik und die Diskussion um Gottes Willen und Gebot entsteht meist dann, wenn man dem klaren Sinn und Wortlaut von Geboten und Verboten nicht folgen will. Mit dem Gespräch der Schlange auf dem Erkenntnisbaum im Paradies hat es begonnen. In der Begenung Jesu mit dem reichen Jüngling und mit dem Schriftgelehrten, dem wir das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zu danken haben, wird es deutlich, und reicht in unsere Zeit, die sich beharrlich mit der Schlangenfrage weiterquält: "Sollte Gott gesagt haben . . .?" "Bleibe im Fragen, so bist du frei vom Gehorchen." [20] Mit sogenannter "billiger Gnade" und listiger Vergebungspraxis wird versucht, weithin vom Tun des Willens Gottes zu befreien.

Gewiß, es ist nicht alles in den Geboten und Verboten Gottes enthalten, was einem Christen begegnet und entschieden werden muß. Da jeder Mensch einmalig ist, sind auch die Lagen, in die er kommen kann, nie denen der anderen gleich. So bleibt vieles der persönlichen Entscheidung überlassen. Wer aber stets in wacher Gehorsamswilligkeit verbleibt und ständig sich bemüht, in Gottes Gegenwart zu leben und in der Liebe zu Gott und allen Menschen zu stehen, wird auch in solchen Lagen des Weges und des Willens Gottes, schnell gewiß. Klare Einsicht in Gottes Willen sind meist geboren aus Gehorsam und Gehorsamswilligkeit. "So jemand will des Willen tun, der wird innewerden, ob diese Lehre von Gott sei, oder ob ich von mir selber rede", sagt Jesus. (Joh. 7:17)

Wer sich Gedanken darum macht, ob er auch lebt und handelt wie Gott es will und ihm gefällig ist, ist wahrhaft ein Gesegneter des Herrn, der über Gewohnheit und Menschenmeinung steht. Dabei muß er sich ganz auf Gott verlassen, daß er ihm Weisheit, Licht und Kraft verleihe. In jeder Rat- und Ausweglosigkeit, in denen er den Willen Gottes gut und gern erfüllen möchte, wenn er ihn nur gewiß und sicher wüßte, ist ihm die Überführungshilfe des Geistes Gottes angeboten, der nicht mit unserem Geist identisch ist. Der Heilige Geist macht uns das Gotteswort und sein Gebot lebendig; er läßt uns so in vielen Lagen den Willen Gottes klar erkennen. Doch bleiben auch die Christen in Gefahr, ihr Denken, Fühlen und Begehren in diese Einheit von Gottes Wort und Gottes Geist hineinzumischen und auf den stillen Widerstand des Herzens nicht zu achten. Menschen, die vom Herzen her entscheiden, haben es leichter, weil bei ihnen die kritischen Einwände des Verstandes, die unsere Freudigkeit zum Handeln hemmen, weniger zur Geltung kommen.

Trotz allem können ernste Christen in schwere Gewissensnöte und in Konflikt kommen, in denen Liebe, Pflicht und Wahrheit miteinander streiten und alle angezeigten Erkenntniswege zu versagen scheinen. Dann liegt es nahe, Gott um ein Erkennungszeichen zu bitten. Ein solches wird meist vom Beter selbst bestimmt, z.B. wenn mir der und der begegnet, wenn dies oder das eintrifft, wenn das Geldstück, das ich auf den Boden fallen lasse, auf die Vorder oder Rückseite fällt, wenn ich einen bestimmten Brief von einer bestimmten Person bekomme usw., dann soll mir Gott damit gezeigt haben, was ich zu tun oder zu lassen habe. Aber Gott offenbart sich nicht, wann und wo und wie wir Menschen wollen, sonder wann und wo er will und auf seine Weise.

Zwar kann er auch auf diese und jene Manier eines fragenden und suchenden Menschen eingehen, Ihn aber dazu zwingen wollen, hieße ihn versuchen. [50] Er hat dem Richter Gideon, als es um die Erlösung Israels von seinen Feinden ging, die Gnade eines doppelten Zeichens, das Gideon gewählt hatte, gewährt. [55] Elias beschwört ein Gottesurteil auf dem Karmel mit den Worten: "Welcher Gott nun mit Feuer antworten wird, der sei Gott." 1.König 18:24. "Da fiel das Feuer des Herrn herab und fraß Brandopfer, Holz, Steine und Erde und leckte das Wasser auf in der Grube. Da das alles Volk sah, fiel es auf sein Angesicht und sprach: Der Herr ist Gott, der Herr ist Gott!" 1.Kön. 18:38,39.

Wird Gott immer und jedem auf solche Weise antworten? Bei Gideon wie bei Elias ging es um die großen Anliegen Gottes für sein Volk. Wird Gott ein Gleiches tun, wenn Christen ihn mit ihren kleinen, nur sie selbst betreffenden Anliegen in dieser großen Weise befragen? Als Elias um seines Lebens willen fliehen mußte, offenbarte sich ihm Gott auf andere Weise. "Und siehe, der Herr ging vorüber und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach, vor dem Herrn her; der Herr aber war nicht im Wind. Nach dem Winde aber kam ein Erdbeben; aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Da das Elias hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel." 1.König 19:11-13. Diesmal war der Herr nicht im Feuer, was so kurz nach der Feuererfahrung auf dem Karmel nicht zu übersehen ist. Der große Gegenspieler Gottes kann auch Feuer vom Himmel fallen lassen, um die Menschen durch Zeichen zu verführen. [70] Hüten wir uns also vor Verallgemeinerung des Besonderen, was Gott da und dort einmal in großer Stunde schenkte! Er muß nicht Gleiches tun, wenn es irgend jemand will.

Bei Antoine de Saint-Exupery findet sich ein kleiner Abschnitt zu diesem Thema: "Ich sprach zu Gott: Gebiete diesem Raben, davon zu fliegen, sobald ich mein Gebet beendet habe. . . Dann were ich Vertrauen zu dir fassen, mag es auch nur ein dunkles Vertrauen sein. . . Aber der Rabe blieb unbeweglich. . . Da sprach ich zu Gott: Gewiß hast du recht. . . Es entspricht nicht deiner Majestät, dich meinen Weisungen zu unterwerfen. Wäre der Rabe davongeflogen, so hätte es mich noch trauriger gestimmt. Denn ein solches Zeichen hätte ich nur von einem Gleichgestellten, also abermals von mir selbst empfangen können, und so wäre es gleichsam nur ein Widerschein meiner Shensucht gewesen. Wiederum wäre ich nur meiner Einsamkeit begegnet." [80]

Jesus ist offenbar nicht für einen solchen Umgang mit Gott durch bestellte Zeichen gewesen. Als man zu ihm kam mit dem Ansinnen: "Meister, wir wollen gerne ein Zeichen von dir sehen" Matth. 12:38, verweist er im Bild des Jonaerlebnisses auf sein Sterben und Auferstehen. Als der Versucher ihn bewegen will, sich vom Tempel zu stürzen, da Gottes Engel ihn nach der Verheißung auffangen müßten, lehnt er solches, nach alles wagendem und restlos vertrauendem Glauben aussehendes, aber doch Gott herausforderndes und zwingenwollendes Handeln entschieden ab: "Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen." Matth. 4:7. Der reiche Mann im Gleichnis Jesu, der seinen Brüdern ein ungewöhnliches Zeichen aus dem Totenreich geben will, erhält die Antwort: "Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie auch nicht glauben, wenn jemand von den Toten aufstünde." Luk. 16:19,31. Dagegen wurde den Hirten auf dem Felde unverlangt ein Zeichen gegeben: "Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen." Luk. 2:12. Als Herodes aber von dem gefesselten Heiland ein Zeichen erwartet, schweigt Jesus. (Luk. 23:8) Noch am Kreuz begegnet ihm diese kalte Zeichenforderung: "Bist du Gottes Sohn, so steig herab." Matth. 27:40. Auch der eine Schächer fordert dieses Zeichen, während der andere sich vor dem großen Zeichen des Leidens Christi beugt und sich ihm demütig anvertraut.

Ein anderer Weg, sich über Gottes Willen Gewißheit zu verschaffen, ist das wahllose Aufschlagen der Bibel, um irgendeinen Text zu finden, der Antwort auf irgendeine Frage geben soll. Daß man dabei einem Bibelwort leicht das eigene Meinen und Wünschen unterlegt, um es dann wieder aus dem Text herauszulesen, wird nicht ganz auszuschließen sein. Man macht auf diese Weise aus Bibelstellen Orakelsprüche, die man so und so verstehen kann. Sagt dann der text zu wenig, so sucht man einen zweiten oder dritten. So mag es dann zu mancher Antwort kommen, die mehr selbst gesucht als von oben geschenkt ist. Ein Verständnis aus dem Schriftganzen wird immer richtiger und besser sein. Doch soll auch nicht bestritten werden, das schon mancher, der in Angst audn Traurigkeit und Sorge war, auf diesem Wege ein Bibelwort gefunden hat, das ihm wieder Hoffnung und Trost gab.

Auch Menschen des Glaubens werden manchmal handeln müssen, ohne völlige Klarheit erlangt zu haben. Allzu ängstliches Sichergehenwollen trübt oft den Blick für Gottes offenbaren Willen. Zögern und nicht handeln kann in ernsten Lagen ebenso verwerflich sein wie verkehrtes Handeln. Ein erster Schritt muß oft im Glauben gewagt werden, vielleicht in der Wahl des schwersten Weges. Wenn Christen dann auch die Entscheidung in Sorge und in Furcht vor einem Mißgriff treffen, so dürfen sie doch glauben, daß Gott sie auch auf Umwegen und Irrgängen nicht verlassen wird. manches werden wir erst hernach erfahren, wenn der Ausgang offenbar wird. "Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir." Psalm 23:4.



Notizen & Bibliographie

[10] Ein gutes Beispiel dafür sind die Prophezeiungen wie sie so genau darauf hinwiesen in welchem Jahr der Heiland seinen Dienst anfangen und beenden würde. Folgen sie bitte der `Link' und schauen sie sich die graphische Darstellung and und lesen sie die Bibelstellen. Sehen sie auch hier mehr Bibeltexte.

[20] D. Bonhoeffer, `Nachfolge', S. 27.

[50] Vgl. Daniel 3:17,18.

[55] Richter 6:36-40.

[70] Offenbarung 13:13,14.

[80] Antoine de Saint-Exupery, `Die Stadt in der Wüste', S. 211.


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