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Tag und Nacht
Ernst Genz

Ein schöner, wechselvoller Wanderweg war es.

Steilab von der Landstraße ging es in das blumige Wiesental hinein und dann weiter am Fuße des bewaldeten Hanges entlang auf einem schmalen Pfad, der sich am Rande des Baches zwischen hohen Gräsern und Waldweidenröschen, an Hainbuchen, Weiden- und Erlengestrüpp vorbei, hinschlängelte, bis zu dem alten morschen, mit Moos und Flechten überwucherten Wehr.

Dort kletterte der Pfad den Berghang hoch und lief dann wieder in halber Höhe weiter durch des Halbdunkel des hohen Fichtenbestandes.

Obwohl der Weg so abwechslungsreich war, wollte ich doch einen anderen Heimweg benutzen, aber die Wintergoldhähnchen veranlaßten mich, denselben Pfad durchzugehen.

Wie das kam?

Vom ersten Augenblick an, als ich im Schatten der Fichten untertauchte, hörte ich bei dem langsamen Schreiten durch den langgestreckten Fichtenbergwald das leise, heimliche Geklingel der zarten Goldhähnchenstimmen bald rechts, bald links über mir. Wenn ich auch kaum eines dieser kleinen flinken Vögelchen zu Gesicht bekam, so wußte ich doch, daß sie bei ihrer unermüdlichen Turnerei in den dichten Zweigen jede meiner Bewegungen beobachteten. Wenn ich ging, so erklang ihr kleines Lied; blieb ich aber stehen, so hörte ich keinen Laut.

Plötzlich war es jedoch ganz still geworden rings um mich her; nur weit hinter mir hörte ich die kleinen Sänger. Doch war es nicht mehr das leise, heimliche Geklingel, sonder ein lautes, aufgeregtes Stimmengewirr, das immer mehr anschwoll.

Dort drüben schienen alle Goldhähnchen des Waldes versammelt zu sein. Schnell und ziemlich lautlos ging ich den Pfad zurück und stand bald unter der hohen Fichte, in welcher sich die große Vogelversammlung so plötzlich eingefunden hatte.

Das war ein Geflatter und Gezeter in der luftigen Höhe, und immer neue Ankömmlinge fanden sich von allen Seiten ein. Nicht nur Goldhähnchen waren vertreten, aber auch Buchfinken und Tannen- und Haubenmeisen hörte ich heraus. Der Zaunkönig unten vom Bach war heraufgekommen und schrie überlaut. Auch die Weiden- und Birkenlaubsänger vom angrenzenden Laubwald kamen herbeigeflattert. Nur der Eichelhäher wagte sich nicht heran. Er machte einen großen Bogen um die Fichte herum und zeigte mir im Abfliegen den schneeweißen Bürzel.

Die Fichte war hoch und hatte eine undurchsichtige Krone. Nur undeutlich zeigte mir das Glas ein großes dunkles Etwas, dicht an den Stamm gedrückt, umschwirrt und angeschrien von der lärmenden, zeternden Vogelschar. Immer wieder flatterten sie alle mit lautem Geschrei in das dichte Gezweig hinein und wieder zurück.

Ein kräftiger Schlag mit einem dürren Ast gegen den Fichtenstamm, und schon herrschte Ruhe unter dem aufgeregten Völkchen, wenn auch nur für einen Augenblick. Und dann löste sich ein dunkler Federklumpen aus dem dichten Gewirr; breite runde Schwingen klafterten weit auseinander und schwebten unhörbar zwischen den Stämmen dahin, so leise und plötzlich, daß die meisten der durcheinanderflatternden Vögel es gar nicht bemerkten.

Nur einige verfolgten den großen Vogel, der weiter abwärts bald im Halbdunkel der Rottannen verschwand.

Eine Weile noch lärmte es in den Zweigen; dann verlor sich die aufgeregte Schar nach der unblutigen Schlacht wieder nach allen Richtungen in die Tiefe des Waldes.

Der Waldkauz hatte den Frieden des Waldes gestört, der Waldkauz, der große Vogel der Nacht!

Sie waren wieder einmal aufeinandergestoßen in ihrer Unerbittlichkeit, die beiden großen Gegensätze im Vogelreich: die Vögel des Tages und der Vogel der Nacht!

Und zwischen den beiden stand als unüberbrückbares Hindernis, jegliche friedliche Gemeinschaft unterbindend, die große Unversöhnlichkeit, der unauslöschbare Haß. - -

Vögel des Tages und Vögel der Nacht!

Gibt es nicht auch Menschen des Tages und Menschen der Nacht?

Kennt nicht die Heilige Schrift auch diese beiden großen Gegensätze, die "Kinder des Lichts" und die "Kinder der Finsternis?"

Steht nicht auch zwischen diesen beiden Gruppen immer die klare Trennungslinie, die jede Geistesgemeinschaft untereinander verhindert?

Gott der Schöpfer schied am Anfang das Licht von der Finsternis, den Tag von der Nacht, und an jedem neuen Morgen muß das Dunkel der Nacht vor dem hellen Licht des Tages weichen. So soll es auch im geistlichen Leben sein.

"Was hat die Gerechtigkeit zu schaffen mit der Ungerechtigkeit? Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis? Wie stimmt Christus mit Belial? Oder was für ein Teil hat der Gläubige mit den Ungläubigen?" fragt der Apostel, auf jenen natürlichen Unterschied zwischen den Kindern des Lichts und den Kindern der Finsternis hinweisend.

Wenn wir bekennen, von dem wahrhaftigen Licht des Himmels erleuchtet zu sein, dann gilt für uns das Wort: "Habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis", sondern "wandelt wie die Kinder des Lichts!"


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